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Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität betrifft ca. 16 % der Weltbevölkerung und der Tiere. Die Betreffenden nehmen Reize detaillierter auf als andere bzw. deren ...

Freitag, 29. September 2023

Biografiearbeit

Viele von uns Menschen mit hochsensiblem Erleben haben in ihrem bisherigen Leben so manche Narbe davongetragen. Es ist ganzheitlich betrachtet wenig sinnvoll, so zu tun, als wäre nichts gewesen, auch wenn uns das vielleicht lieber sein mag. 

Biografiearbeit ist eine Methode, Einstellungen zu sich selbst und zum eigenen Erleben sowie zur Sicht der Dinge an die Oberfläche zu holen. Sie wird häufig heutzutage in vielerlei Bereichen der Arbeit mit Menschen eingesetzt - in der Sozialen Arbeit, in der Arbeit mit Senioren, mit an Demenz Erkrankten sowie einfach auch mit Menschen, die gerne etwas mehr über sich selbst herausfinden möchten.

Somit ist Biografiearbeit "zum einen die Beschäftigung jedes einzelnen Menschen mit der eigenen Biografie, als der persönlichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zum anderen werden unter 'Biografischen Arbeiten' besondere Angebote und Handlungsweisen in der Erwachsenen- und Altenbildung, in Beratung und Seelsorge verstanden" (Auer et al., 2020, S.13). Somit ist Biografiearbeit ein Werkzeug der Selbsterfahrung, der Aufarbeitung und der Selbstwirksamkeit.

Aber warum das Ganze? Um zu verstehen, wer wir sind, kann es sehr hilfreich sein zu erfahren, wer wir waren. Dies wiederum stärkt die Resilienz und das Selbstwertgefühl, da wir uns auf diese Weise vor Augen führen können, was wir alles schon erlebt und vor allem bewältigt haben. Somit können wir uns schlussendlich besser selbst annehmen und respektieren.

Generell lässt sich empfehlen, Biografiearbeit eher schriftlich festzuhalten, frei nach dem Motto: Wer schreibt, der bleibt. Möglicherweise haben Sie bereits in der Schule festgestellt, sich Dinge besser merken zu können, sobald Sie sie niedergeschrieben haben - einen Spickzettel zur nächsten Klassenarbeit schreiben hilft beim Erinnern, obwohl man ihn nie wirklich "eingesetzt" hätte. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass  Memorisieren kognitiv betrachtet davon abhängt, als wie wichtig wir unserem Gehirn die zu erinnernde Information suggerieren. Wenn ich diese Information nur höre, so ist sie flüchtig und potentiell entsprechend schnell wieder vergessen. Schreibe ich die Information jedoch nieder, so gehen die Signale von meinem Gehirn über die Schulter, in den Arm, die Hand und wieder zurück ins Gehirn, da das Auge ja noch mitliest und somit sogar noch der Sehsinn involviert ist.

Schreiben Sie Ihre Biografiearbeit also gerne stets nieder, vielleicht nur in Stichpunkten und selbst, wenn Sie sie nie wieder lesen sollten - es lohnt sich dennoch.

Hier einige Beispiele, die man gerne auch spontan quasi jederorts ausprobieren kann:


1.  "Mein Name"

Ihren Familiennamen konnten Sie sich vermutlich nicht aussuchen, Ihre Eltern konnten dies allerdings ebenso wenig. Was jedoch sehr bewusst ausgesucht wurde, ist Ihr Vorname. Für gewöhnlich wird er so früh vergeben, dass die eigenen Eltern diese Aufgabe übernehmen. Die Übung "Mein Name" zielt darauf ab, herauszufinden, in wie weit Ihr Vorname Einfluss auf Ihre Identitätsfindung gehabt hat, oder möglicherweise noch immer hat, und damit auch auf Ihre Biografie. 

Gehen Sie in Gedanken zurück in Ihre Kindheit und stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Was bedeutet mein Vorname in verschiedenen Sprachen? (Googeln ist erlaubt)
  • Wie habe ich meinen Vornamen als kleines Kind empfunden? Habe ich mich gerne so nennen lassen? Habe ich einen Spitznamen oder einen anderen Rufnamen bevorzugt, und wenn ja, warum?
  • Wie habe ich mich im Laufe meiner bisherigen Lebensspanne mit meinem, mir von meinen Eltern verliehenen Vornamen arrangiert?
  • Wie war/ist meine emotionale Haltung gegenüber meinem Vornamen in der Vergangenheit, wie in der Gegenwart, und wie glaube ich, wird sie in Zukunft sein?

2.  "Ein Foto für meine Biografie"

Eine ebenfalls recht simple und leicht umsetzbare Übung ist die Arbeit mit Fotos. Schauen Sie sich die acht unten stehenden Bilder an und wählen Sie das Bild aus, dass Sie im ersten Augenblick am meisten anspricht. Anschließend stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Was sagt mir dieses Bild?
  • Welchen Titel gebe ich diesem Bild?
  • Warum hat mich dieses Bild spontan angesprochen?
  • In wie weit symbolisiert dieses Bild mein bisheriges, gegenwärtiges und zukünftiges Leben?

Überlegen Sie bei all dem nicht zu lange - je spontaner Sie antworten, desto näher liegen Sie am emotionalen Erleben Ihrer rechten, kreativen Gehirnhälfte. Je länger Sie darüber nachdenken, desto mehr kontrolliert Ihre linke, rationale und digitale Gehirnhälfte Ihr Urteilsvermögen in dieser Fragestellung. Und dies ist bei Biografiearbeit nicht sehr förderlich.

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Verwendete Quellen:

  • Auer, H. et al. (2020): 77 Impulse und Methoden Biografiearbeit. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Donnerstag, 7. September 2023

Weiterführende Literatur

Falls Sie Lust und Muße bekommen haben, sich tiefergehend mit dem Thema Hochsensibilität zu beschäftigen und vor allem damit, wie man sie erkennt, sie versteht und ihre Potentiale nutzbar macht - Hier finden Sie weiterführende Literatur zum Thema:

  • Aron, Elaine (2022). Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen (16. Aufl.). München: mvg.

  • Falkenstein, Tom (2017). Hochsensible Männer. Mit Feingefühl zur eigenen Stärke.  Paderborn: Junfermann.

  • Harke, S. (2019). Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet. Die 100 häufigsten Fragen und Antworten (5. Ausg.). Schneckenlohe: Vanova.

  • Parlow, G. (2014). Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen (3. Ausg.). Wien: Festland. (Die ersten vier Kapitel kostenfrei online erhältlich unter: <https://www.festland-verlag.com/inhaltsverzeichnis.7145.html>).

  • Reichardt, E. (2016). Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potential entfalten. München: Südwest.

  • Repkowsky, M. (2020). Hochsensibel und glücklich. Das kleine Buch für große Herzen. Wie du achtsamer leben, deine inneren Stärken aufbauen, deine Resilienz steigern & Stress bewältigen kannst. Kein Ort: Independently published.

Viel Freude damit 🌻

Donnerstag, 17. August 2023

Gruppenrichtlinien und Gruppenziele

Mitunter mag einem Teilnehmenden an einer Gruppe anfangs noch nicht klar sein, warum sie/er sich einer Gruppe angeschlossen hat. Auch ist es möglich, dass sich im Laufe der Zeit herausstellt, dass sich die Erwartungen und Vorstellungen des Einzelnen nicht mit den Möglichkeiten der Gruppe decken. Im Zuge dessen kann es gemäß Berg-Peer hilfreich sein, die Ziele einer Gruppe im Vorfeld klar zu kommunizieren. Sie benennt folgende Ziele (vgl. Berg-Peer, Moderation von Selbsthilfegruppen. Ein Leitfaden, 2016, S. 14):

  • Gegenseitiger Trost, Verständnis und Unterstützung
  • Austausch über Handlungsmöglichkeiten, zusätzliche Angebote wie spezialisierte Psychotherapeuten
  • Informationen über Fachthemen
  • Organisation von politischer Einflussnahme
  • Antistigma-Arbeit.

Hierbei ist ein Zusammenwirken der Gruppenteilnehmer wünschenswert, da die Gruppenziele im Interesse der gesamten Gruppe liegen sollten. Somit wird letztendlich die Gruppe entscheiden, welche Ziele beschlossen und verfolgt werden. Diese können dann schriftlich fixiert und gegebenenfalls im Raum ausgehängt werden. Gleichzeitig sollten sie jedoch nicht in Stein gemeißelt, sondern vielmehr in regelmäßigen Abständen auf ihre Notwendigkeit überprüft und bei Bedarf nachverhandelt werden dürfen.

Ein weiterer, möglicher Aspekt der Zielsetzung sollte die Stärkung von Selbstvertrauen, Resilienz und Empowerment sein, da viele hochsensible Menschen (abgekürzt: HSM) in verschiedener Weise Ablehnungs- und Entwertungserfahrung gemacht haben. Aufgrund der Größenlimitierung der Arbeit kann an dieser Stelle allerdings nicht näher auf grundsätzliche sowie im Besonderen zu beachtende Aspekte von Resilienz und Empowerment eingegangen werden.

In ähnlicher Weise wie Gruppenziele sollten auch Gruppenregeln angelegt werden. Berg-Peer legt die Einbeziehung folgender Aspekte nahe, welche hier auszugsweise aufgeführt werden (vgl. Berg-Peer, Moderation von Selbsthilfegruppen. Downloadmaterial, 2016):

  • Vertraulichkeit
  • Verbindlichkeit
  • Eigenverantwortung
  • Problemlösungsorientierung
  • Rücksichtsvoll miteinander umgehen
  • Alle Teilnehmenden integrieren
  • Vorschläge statt Ratschläge
  • Möglichst nicht unterbrechen
  • Keine Monologe oder Exklusivdialoge
  • Nur einer sollte reden
  • Unbehagen darf respektvoll geäußert werden
  • Jeder trägt zum Gruppenerfolg bei
  • Akzeptanz
  • Respekt.

Im Hinblick auf die Zielgruppe sollte an dieser Stelle noch hinzugefügt werden, dass Taktgefühl sowie das „Gleichheitsprinzip“ (Haller & Gräser, 2021, S. 20) überaus wichtige Aspekte sind. Bewertung, gar Abwertung ist den Teilnehmenden im Rahmen ihres Alltags vermutlich bereits hinreichend bekannt. Um ein angstfreies Mitteilen innerhalb des Gruppenrahmens zu gewährleisten, ist ein weich gebettetes Aufnehmen des Geäußerten essentiell, damit sich die bereits gemachte Außenerfahrung nicht wiederholt.

Verwendete Quellen:

  • Berg-Peer, J. (2016). Moderation von Selbsthilfegruppen. Downloadmaterial. Abgerufen am 14. März 2023 von Psychiatrie-Verlag.de: https://psychiatrie-verlag.de/wp-content/uploads/2019/04/651_Downloadmaterial.pdf

  • Berg-Peer, J. (2016). Moderation von Selbsthilfegruppen. Ein Leitfaden (Bd. Psychosoziale Arbeitshilfen 33). Köln: Psychiatrie-Verlag.

Donnerstag, 13. Juli 2023

Zur Wirkungsfähigkeit und Arbeitsweise von Selbsterfahrungsgruppen

Bereits seit den 60er Jahren existieren verschiedene Arten von Selbsterfahrungsgruppen. Diese haben inzwischen ihren festen Platz im Gefüge von Psychotherapie, Beratung, Selbsterfahrung, Austausch und ambulanter Versorgung. Die wohl bekanntesten unter ihnen sind die der sog. Anonymen Alkoholiker. Die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Organisation handelt, zu dessen Teilnahme ein Mensch per gerichtlicher Anordnung angewiesen werden kann, zeigt die Wichtigkeit und Legitimation solcher Gruppen. Und gerade heutzutage, wo es aufgrund der fehlenden Plätze und stark frequentierten Praxen diffizil wird, im Bedarfsfall zeitnahe, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, gewinnen Gruppen umso mehr an Bedeutung.

Der Moment, in dem sich ein Mensch dazu durchringt, den Weg in eine Gruppe zu finden, damit zu beschließen, etwas solle sich ändern, den Mut zu fassen, bestimmte Gedanken und Gefühle nicht mehr nur allein mit sich selbst auszumachen, sondern sich an das Außen zu wenden, sich mit anderen zusammen zu tun und gemeinsam etwas zu bewegen, ist allein schon ein großer Schritt im Prozess des Abstreifens der Opferrolle.

Berg-Peer führt an, dass Gruppen außerdem Trost spenden und gegen Isolation schützen, da Teilnehmer offen über ihre Gefühle sprechen, für sie schwierige Situationen beschreiben und gleichzeitig dafür Verständnis finden können, da sich der Erzählende innerhalb der Runde nicht als einziger in einer bestimmten Situation befindet. Hieraus kann Hoffnung entstehen und Kraft für das Bestehen im Alltag geschöpft werden. Darüber hinaus können innerhalb der Gruppe Kontakte entstehen, was sich als wichtig erweist, wenn sich Angehörige und Freunde bereits abgewendet haben (vgl. Berg-Peer, S. 10).

Gruppenaustausch ermöglicht das Erlernen neuer Kompetenzen in Bezug darauf, mit bestimmten problematischen Situationen konstruktiver und sinnvoller umzugehen. Auf diese Weise kann beispielsweise im Rahmen einer Gruppe für Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, ein Katalog an Bewältigungsstrategien erarbeitet werden. Auf Basis dieses neu erworbenen Wissens kann nicht nur die Resilienz des einzelnen Teilnehmers gestärkt, sondern auch sein Selbstvertrauen aufgebaut und gefestigt werden. Berg-Peer beschreibt die Möglichkeit, dass sich Gruppenteilnehmer von einer Abhängigkeit gegenüber Fachleuten wegbewegen können und mitunter sogar dazu befähigt werden, Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lage befinden, Trost und praktischen Rat anzubieten. Gleichzeitig bietet ihnen dies die Gelegenheit, direkt auf die Fachwelt einzuwirken und neue Impulse zu setzen, indem sie professionell Tätigen ihre Erfahrungen mitteilen, welche diese wiederum in ihren beruflichen Alltag mitnehmen können (vgl. Berg-Peer, S. 11).

Nicht nur Betroffene, sondern auch deren Angehörige können im Rahmen einer Gruppe Platz finden, was in einer Psychotherapie in der Regel nur sehr begrenzt vorgesehen ist. Auch hierin kann ein Austausch stärken, Trost spenden, ein Informationsaustausch Handlungskompetenzen vermitteln. Gleichzeitig sind erstbetroffene Teilnehmer der Gruppe weniger auf die Unterstützung durch ihre Angehörigen angewiesen, da sie unterstützenden Halt und Gemeinschaft bereits innerhalb des Gruppenrahmens erfahren. Beide, sowohl erstbetroffene Teilnehmer, als auch deren Angehörige, erfahren die Möglichkeit, sich von zwar gut gemeinten, jedoch häufig von Unwissen gekennzeichneten Ratschlägen durch das Außen zu lösen und eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Darüber hinaus können sie lernen, dass das Leben mit einer bestimmten Besonderheit oder einer Erkrankung nicht nur ein Leidensweg sein muss, sondern häufig auch vielfältige Chancen bietet. Auf diese Weise wird es möglich, nicht in starren Verhaltensmustern zu verharren, sondern mithilfe des Korrektivs, welches die Gruppe bietet, neue Wege zu gehen. Mitunter können Gruppenteilnehmer im Rahmen ihrer Entwicklung sogar den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und sich dort politisch für das Thema einsetzen (vgl. Berg-Peer, S. 12).

Verwendete Quellen:

  • Berg-Peer, J. (2016). Moderation von Selbsthilfegruppen. Ein Leitfaden (Bd. Psychosoziale Arbeitshilfen 33). Köln: Psychiatrie-Verlag.

Donnerstag, 15. Juni 2023

Hochsensibel im Privatleben

Ebenso wie im Berufsleben ist eine geschickte Positionierung der hochsensiblen Persönlichkeit im Privatleben ratsam. Freundschaftliche wie romantische Beziehungen erfordern ein Gegenüber, welches in der Lage ist, ein gewisses Maß an Verständnis und Akzeptanz der Thematik Hochsensibilität mit einzubringen.

Reichardt beschreibt den im Grunde alltäglichen Vorgang des Einkaufen Gehens für viele als „Stress pur“ (Reichardt, 2016, S. 132). Tatsächlich werden bei diesem Vorgang bereits durch Produktplatzierung und Werbung alle Sinne beansprucht, insbesondere Hören, Sehen und Riechen. Der Supermarkt birgt eine Vielzahl potentieller Geräuschquellen, Eindrücken und auch Verlockungen. Zieht man nun noch hinzu, dass Hochsensible wie im Rahmen dieser Arbeit bereits erwähnt zu Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung neigen, so erscheint der Einkauf bereits deutlich komplexer. Auch kommen ethische Fragen wie beispielsweise die Wahl der Eiermarke auf Basis politisch vertretbarer Tierhaltung oder spezifischem Gemüseanbau hinzu. Findet der Einkauf nun noch zu einer Uhrzeit statt, in der auch viele andere Menschen einkaufen gehen und der Supermarkt dementsprechend belebt ist, so kann der Einkauf im Falle eines hochsensiblen Kunden zur Sinnesüberreizung führen.

Reichardt schlägt in Bezug auf das Beispiel Einkaufen außerdem das Ausweichen auf Einrichtungsfachhandel, Gartencenter und Buchgeschäfte vor, da diese häufig weniger Hektik und Geräuschkulisse aufweisen. Auch rät sie dazu, beim Einkaufen, jedoch auch generell bei der Freizeitgestaltung, möglichst den eigenen Neigungen nachzugehen, da hierbei häufig die Freude über den Stress siegt (vgl. Reichardt, 2016, S. 145).

An dieser Stelle wird auch deutlich, dass die Bewusstheit seitens des hochsensiblen Menschen über seine eigene Veranlagung sehr hilfreich sein kann, da er auf dieser Grundlage mit seinen privaten Kontakten in Kommunikation gehen und diese über seine Empfindungen und Bedürfnisse aufklären kann.

Ein praxisnahes Beispiel wäre ein gemeinsamer Besuch eines Einkaufszentrums: Vorherige Absprachen, beispielsweise darüber, dass sich der Hochsensible angstfrei darüber äußern und zurückziehen darf, wenn er sich vor Ort angesichts der Menschenmengen, Gerüche, Beleuchtung und Entscheidungsoptionen an der Grenze zur Reizüberflutung empfindet, wären hier eine mögliche, konstruktive Option. Es sei hierbei auch erwähnt, dass die Gestaltung einer privaten Freizeitaktivität bereits bei der Wahl des geeigneten Verkehrsmittels, Tageszeit sowie Begleitung beginnt. Auch ein Nein sollte vom Gegenüber des hochsensiblen Menschen als konstruktiv, nicht als Beziehungstöter angesehen werden.

Reichardt schlägt in Bezug auf Freizeitgestaltung generell vor, möglichst den eigenen Neigungen nachzugehen, da hierbei häufig die Freude über den Stress siegt (vgl. Reichardt, 2016, S. 145).

Das Thema Liebe wiederum bietet für sich allein betrachtet einen unerschöpflichen Quell an Stoff für Literatur, Film und Musik, und das bereits seit hunderten von Jahren. Das ist auch bei Hochsensiblen nicht anders, oder möglicherweise noch vermehrt aufgrund von deren verstärkter, emotionaler Wahrnehmung und intensiver Fantasiewelt. Hinzu kommt bei vielen die Neigung zum intensiven Abwägen von Szenarios und nicht zuletzt die immens ausgeprägte Empathie. Aus eigener persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es mitunter nicht so einfach ist, mit einer hochsensiblen Person eine Liebesbeziehung zu führen (damit bin ich selbst gemeint). 

Allerdings möchte ich damit keineswegs implizieren, Normalsensible oder Untersensible hätten es in der Liebe leichter 😉 Jeder hat sein Päckchen zu tragen, denn wenn ein/e Partner/in nicht ausreichend sensibel veranlagt ist, um die Bedürfnisse und inneren Konflikte des Gegenübers (oder in sich selbst) zu erkennen, so wird sich allein aufgrund dessen so mancher Konflikt entwickeln. Aber gut, Konflikte sind etwas Positives, daran wachsen wir - sofern unsere gemeinsame Basis solide genug ist, um sie tragen zu können.

Eine rein persönliche Beobachtung ist dennoch, dass Liebesbeziehungen zwischen Hochsensiblen in der Regel mehr Potential zum Bestand haben als nennen wir es mal "Misch-Beziehungen". Mithilfe des jeweils eigenen Einfühlungsvermögens und der Bewusstheit darüber, was Emotionen in der Beziehungslandschaft bewirken können (positiv wie negativ), lässt sich gemeinsam eine solide Basis für eine Partnerschaft, reich an Erleben und natürlichem Auf und Ab, gestalten. Aber dies soll selbstverständlich niemanden daran hindern, es auch mal mit einem Normalsensiblen oder Untersensiblen zu versuchen 😇

Sehen Sie dies anders? Kein Problem - schreiben Sie es sehr gerne in die Kommentarsektion!

Verwendete Quellen:

  • Reichardt, E. (2016). Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potential entfalten. München: Südwest.

Donnerstag, 18. Mai 2023

Hochsensibel innerhalb der postmodernen Gesellschaft

Im Rahmen der heutigen Gesellschaft leben wir intensiv. So mancher von uns versucht sich täglich im Berufsleben zu beweisen, sich insbesondere seit der Kommerzialisierung des Internets bestmöglich auf sozialen Medien zu präsentieren, sich selbst durch sportliche Leistung und bewusste Ernährung zu optimieren, klare politische Stellung zu beziehen und nimmt sich zum Ziel, seinen Kindern die bestmögliche Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen.

In eine solche Gesellschaft, die – metaphorisch gesprochen – eher darwinistisch geprägt ist, scheinen die typischen Eigenschaften von hochsensiblen Menschen (abgekürzt: HSM) nur bedingt hineinzupassen. Der Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität beschreibt beispielweise aufgrund der erhöhten Leistung des zentralen Nervensystems eine begrenzte Dauer der erträglichen Wahrnehmung bzw. einen früher eintretenden Bedarf an vegetativer Beruhigung und Regeneration. Von außen betrachtet kann dies für das Umfeld als wenig belastbar interpretiert werden, denn vermutlich wird die vorangegangene kognitive Mehrleistung des HSM nicht anerkannt. Ein HSM jedoch kann sich in einer solchen Situation der Überstimulation überfordert fühlen, gereizt oder aggressiv reagieren und mitunter sogar körperliche Schmerzen empfinden oder auch zum Rückzug neigen. Dies wiederum kann durch das Umfeld als ungesellig, snobistisch, unhöflich oder gar eigenbrötlerisch gewertet werden. Somit scheint der HSM den Ansprüchen der Gesellschaft in Bezug auf Kraft, Stärke und Durchsetzungsvermögen gegenüberzustehen. Eine negative Bewertung der hochsensiblen Persönlichkeit durch das Außen im Sinne von „zu empfindlich“ oder gar „bedingt gesellschaftsfähig“ ist schnell verhängt. Aus dieser Tendenz kann sich für den einzelnen HSM eine Reaktionsspirale aus sozialem Rückzug, sich unverstanden fühlen sowie Vereinsamung und Depression entwickeln (vgl. Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität, 2011, S. 2-3).

Der Rückschluss des hochsensiblen Menschen, es sei mit ihm etwas „nicht in Ordnung“, ist jedoch eine Annahme, welche sich nicht nur wenig konstruktiv auswirkt, sondern klar widerlegbar ist, da im Zuge der Forschung inzwischen festgestellt werden konnte, dass Hochsensibilität „eine Veranlagung der Persönlichkeit ist und keine Krankheit“ (Harke, 2019, S. 18).

Verwendete Quellen:

  • Harke, S. (2019). Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet. Die 100 häufigsten Fragen und Antworten (5. Ausg.). Schneckenlohe: Vanova.

  • Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität e. V. (17. April 2011). Von hochsensibilitaet.com: <https://www.hochsensibel.org/dokumente/Broschuere.pdf> abgerufen

Donnerstag, 13. April 2023

Hochsensibel im Berufsleben

Zur Selbstpositionierung eines hochsensiblen Menschen (abgekürzt: HSM) innerhalb der postmodernen Berufswelt schreibt Repkowsky: „Hochsensibilität ist keine Schwäche, die zu einer Stärke gemacht werden muss, sondern eine Gabe, die bereits kraftvoll genug ist“ (Repkowsky, 2020, S. 1). Dem möchte sich der Verfasser der vorliegenden Arbeit anschließen.

Die vorliegende Arbeit hat allerdings bisher auch aufgezeigt, dass eine hochsensible Begabung Vorteile, aber auch Nachteile mit sich bringt. Sicher liegen deren Bewertung im Auge des Betrachters, jedoch liegt es nahe, die Vorteile nutzbar zu machen, während die Tragweite der Nachteile minimiert wird, der HSM sich also dementsprechend beruflich so positioniert, dass dies bestmöglich gewährleistet ist.

Tatsächlich spielte Hochsensibilität bereits in früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte, wenn auch unbewusst, eine Rolle bei der Berufswahl. Typische Berufsbilder waren Berater am königlichen Hofe oder auch Priester. Auch in Betrachtung der postmodernen Gesellschaft ist die Abwägung ratsam, welche Berufsbilder sich als passend erweisen können, und welche nicht.

An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass auch HSM in ihrem Wesen grundsätzlich verschiedenartig sind und somit der ideale Beruf für HSM so nicht existiert. Vielmehr ist der individuelle HSM gehalten, seine, für ihn passende Nische zu suchen. Darüber hinaus sei erwähnt, dass es Sondertypen unter HSM gibt, wie z. B. den Synästhetiker (vgl. Reichardt, 2016, S. 116), den „Scanner“ (Harke, 2019, S. 81) oder den "High Sensation Seeker" (vgl. Reichardt, 2016, S. 81). Ebenfalls spielt mit ein, ob der HSM eher eine intro- oder eher extravertierte Persönlichkeit ist. Auf eine nähere Charakterisierung dieser Typen kann aufgrund der Größenvorgabe der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen werden.

Daher bezieht sich der Verfasser als erste Richtungsweisung auf einige Quellen, die zumindest bestimmte, als typisch geltende Berufsbilder beschreiben, welche sich für HSM eignen sollen.

Ein Beispiel hierfür sind Berufe, in denen Kreativität ein Plus ist. Hierzu zählt der Architekt oder Künstler wie (Berufs-)Musiker, Koch, Hair-Stylist oder Florist. Das HSM-typisch hohe Maß an Empathie und die Gabe zu detaillierter Risikoabwägung befähigt ihn zum Ergreifen eines Arzt- oder Pflegeberufes oder einer psycho- oder physiotherapeutischen Tätigkeit. Auch Maschinen, insbesondere elektronisch komplexe Systeme, erfordern ein hohes Maß dieser Eigenschaften, weshalb Berufsbilder innerhalb der IT-Branche oder auch im Ingenieurwesen in Erwägung gezogen werden können sowie möglicherweise der Bereich Spekulation und Risikoanalyse im Bankwesen. Genauigkeit, Perfektionismus und erhöhter IQ legen eine Tätigkeit in der Wissenschaft bzw. Forschung und Lehre nahe.

An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig die Eigenschaften von HSM für die Berufswelt der postmodernen Gesellschaft noch immer sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob eben diese Berufe von Normal- oder Untersensiblen Menschen in ebensolcher Qualität ausgeübt werden könn(t)en. Denn welche Gesellschaft wünscht sich schon weniger feinfühlige Ärzte, weniger kreative Schriftsteller, oder gar weniger exakte Ingenieure?

Im Gegenzug sollte der HSM abwägen, inwieweit er der einhergehenden Belastung des jeweiligen Berufsbildes standhalten kann, da, wie vorab bereits erwähnt, ein HSM aufgrund seiner neurologischen „Mehrarbeit“ zu einer begrenzten Aufnahmespanne bzw. abrupter Reizüberflutung neigen kann. Mit eingeschlossen sind hierbei Situationen, in denen es typischerweise zu derartigen Reizüberflutungen kommen kann wie Menschenansammlungen, laute Geräuschkulisse, intensive Geruchsbelastung, enge Abgabetermine oder Konkurrenzdruck.

Parallel dazu ist es für HSM empfehlenswert, sich im Rahmen des Berufslebens in Bezug auf Selbstfürsorge gut zu organisieren. Dies schließt das Einhalten von Pausen, pünktliche Feierabende sowie das Eingrenzen des Arbeitsaufkommens mit ein. Entspannungsrituale und wohl-tuender Ausgleich im Rahmen des Privatlebens sind für eine ausgeglichene Work-Life-Balance ebenso essentiell. Auch der Aufwand und die Gestaltung des Arbeitsweges können eine Rolle spielen sowie die Arbeitsbedingungen vor Ort wie Beleuchtung, Hintergrundgeräusche, z. B. Radio oder Telefongespräche von Kollegen sowie ergonomische Einrichtung.

Ein weiterer potentieller Stressfaktor kann Kontrolle durch Vorgesetzte oder Kollegen sein. Viele HSM stehen laut Reichardt ungern auf eine solche Weise im Mittelpunkt und reagieren auf Kontrolle dementsprechend mit Nervosität. Auch hier kann offene Kommunikation hilfreich sein: Reichardt gibt an, dass es legitim ist, die Sinnhaftigkeit der Kontrolle infrage zu stellen. Als Kompromiss kann vorgeschlagen werden, die Kontrolle direkt im Anschluss an die Fertigstellung der Arbeit erfolgen zu lassen, im Gegensatz zu währenddessen (vgl. Reichardt, 2016, S. 169).

Eine weitere Herausforderung kann darin bestehen, die eigene, vorab erwähnte Neigung zum Perfektionismus zu relativieren. Gelingt dies nicht, so droht letztendlich möglicherweise sogar ein Burn-Out (vgl. Reichardt, 2016, S. 168).

Verwendete Quellen:

  • Harke, S. (2019). Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet. Die 100 häufigsten Fragen und Antworten (5. Ausg.). Schneckenlohe: Vanova.
  • Reichardt, E. (2016). Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potential entfalten. München: Südwest.
  • Repkowsky, M. (2020). Hochsensibel und glücklich. Das kleine Buch für große Herzen. Wie du achtsamer leben, deine inneren Stärken aufbauen, deine Resilienz steigern & Stress bewältigen kannst. Kein Ort: Independently published.

Donnerstag, 16. März 2023

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität betrifft ca. 16 % der Weltbevölkerung und der Tiere. Die Betreffenden nehmen Reize detaillierter auf als andere bzw. deren Gehirn verarbeitet Reize in der gleichen Zeit effizienter. Hochsensibilität ist dementsprechend angeboren, und von der Natur auch gewollt.

So veranlagt zu sein, bringt innerhalb unserer intensiven und schnellen Welt Vor- und Nachteile mit sich, denn auf erhöhte Leistungsfähigkeit folgt schnellerer Energieverbrauch und mögliche Reizüberflutung. Vor allem aber neigt die Gesellschaft dazu, Hochsensibilität als Schwäche auszulegen. Psychische und körperliche Erkrankungen können die Folge sein. Somit kann es für Betroffene eine Herausforderung sein, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, sich selbst anzunehmen und die Begabung gezielt nutzbar zu machen.

Die Ausprägung Hochsensibilität gab es, wie vermutet wird, schon immer, war jedoch unter diesem Namen unbekannt, bis sich 1997 die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron damit auseinanderzusetzen begann. Im Rahmen ihrer gemeinsam mit ihrem Ehemann durchgeführten Forschungsarbeit führte sie repräsentative Interviews mit Studenten der University of California, Santa Cruz, durch und legte einen wissenschaftlich anerkannten Boden für alle weiteren Forschungsprojekte, die sich seither mit dem Thema beschäftigen. Inzwischen gilt der Begriff Hochsensibilität in Fachkreisen der Psychologie als „eine wachsende Größe“ (Harke, 2019, S. 37).

In der Psychologie wird Hochsensibilität als eine Veranlagung des Temperaments beschrieben, die Menschen und auch Tiere zu einer feineren Wahrnehmung befähigt. Betroffene nehmen Reize anders auf, nämlich detaillierter und effizienter. Darüber hinaus verfügen sie über eine ausgeprägte Empathie gegenüber anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, oftmals sogar Maschinen. Dies wird vornehmlich einer angeboren veränderten Struktur der Großhirnrinde zugeordnet. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass der Begriff Hochsensibilität von dem der Empathie zu unterscheiden ist (vgl. Reichardt, 2016, S. 15).

Reichardt beschreibt eine Tendenz zur ausgiebigen, mitunter täglichen Selbstreflexion. Auch erwähnt sie ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, gepaart mit Loyalität und Wahrheitsliebe, wobei sich der Gerechtigkeitssinn selten auf sich selbst bezieht, sondern eher auf anderen zugefügtes Unrecht, welches den Hochsensiblen dazu bringt, „auf die Barrikaden zu gehen“ (Reichardt, 2016, S. 43). Weiter benennt Reichardt aufgrund der hohen nervlichen Aktivität die Neigung zu ausgeprägten künstlerischen und kreativen Fähigkeiten sowie einem in der Regel besonders guten Gedächtnis, welches ebenfalls auf die Intensität, mit der Reize verarbeitet werden, zurückzuführen ist. Parlow gibt an, hochsensible Menschen (abgekürzt: HSM) neigten dazu, für die Bewertung von Eindrücken und Situationen weitaus mehr Graustufen zu verwenden als andere Menschen. Das hintergründige Ziel hierbei sei zumeist das möglichst nuancierte Abwägen eventueller Konsequenzen und Folgen einer Situation (vgl. Parlow, 2014, S. 30). Der Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität beschreibt die Fähigkeit zu Schnelligkeit, Geistesgegenwart, schon fast pedantischer Genauigkeit und aufgrund des hochempathischen Wesens mitunter sogar der Fähigkeit zu erspüren, ob eine Person lügt (vgl. Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität, 2011, S. 5). Parlow erwähnt auch die Gabe zu ausgeprägter Fantasie und Intuition (vgl. Parlow, 2014, S. 32). Gemäß Reichardt liegen sogar erste Hinweise zu einem erhöhten Intelligenzquotienten bei HSM vor.

Jedoch sind gemäß Reichardt auch die Tendenz zu Selbstzweifeln, -kritik und Perfektionismus sowie eine eher niedrige Schmerztoleranzgrenze typische Ausläufer dieser intensiveren Wahrnehmung sowie augenscheinliche Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, da HSM wie bereits erwähnt dazu neigen, vor einer Entscheidung eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen (vgl. Reichardt, 2016, S. 42-48).

Aufgrund dieses komplexen Denkens beinhalten Hochsensible ein „reiches, buntes und vielgestaltiges Innenleben und eine ebensolche Traumwelt“ (Reichardt, 2016, S. 13). Parlow bestätigt dies (vgl. Parlow, 2014, S. 29). Hochsensible bemerken Details wie Farbnuancen, Gerüche oder auch emotionsbehaftete Signale durch das Umfeld, die anderen entgehen. Als verantwortlich hierfür wird gemeinhin der Thalamus angesehen, worin aus den Sinnesorganen weitergeleitete Reize gefiltert werden (vgl. Reichardt, 2016, S. 34).

All dies bedeutet, dass ein hochsensibel veranlagtes Gehirn in der gleichen Zeit mehr Leistung bewältigt als eines ohne diese Veranlagung. Bemerkenswerterweise existiert, obgleich es dies-bezüglich Forschung gab und gibt, kein eindeutiges diagnostisches Verfahren, mithilfe dessen man zuverlässig herausfinden kann, ob ein Mensch hochsensibel veranlagt ist, oder nicht (vgl. Repkowsky, 2020, S. 12). Man geht jedoch gemeinhin davon aus, dass ca. 16% der Weltbevölkerung HSM sind (vgl. Harke, 2019, S. 17). Die verschiedenen Ausprägungen von Sensibilität kann man sich als Kontinuum vorstellen: An einem Ende befinden sich jene, soeben erwähnte 16% Hochsensible, während am gegenüberliegenden Ende weitere 16% untersensible Menschen rangieren (vgl. Reichardt, 2016, S. 17). Alle, die den Teil zwischen beiden Enden besiedeln, werden in der Regel als „normalsensibel“ bezeichnet. Reichardt nutzt anstelle von „normalsensibel“ schlichtweg die Bezeichnung „sensibel“, um das klischeebehaftete Wort „normal“ zu umgehen (vgl. Reichardt, 2016, S. 18), während der IFBH hierbei von „Nicht-HSP“ (Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität, 2011, S. 3) spricht.

Die oben beschriebene Verteilung der Ausprägungen von Sensibilität veranschaulicht Reichardt durch folgendes Praxisbeispiel:

Eine Herde Antilopen grast in den Steppen Afrikas. Aus dem Hintergrund schleicht sich eine Sippe Löwinnen an. Der laut Statistik 16%ige Anteil hochsensibel veranlagter Tiere innerhalb der Antilopengruppe ist aufgrund seiner sensorisch hochbegabten Wahrnehmung in der Lage, die Löwinnen schon von weitem zu hören bzw. zu wittern, während die anderen Tiere der Herde dies aufgrund der normal- oder untersensiblen Ausprägung ihrer Sinneswahrnehmung nicht können. Sie sind somit auf die hochsensiblen Tiere der Herde angewiesen, da sie sonst durch den Angriff der Löwinnen überrascht würden und möglicherweise nicht mehr rechtzeitig reagieren könnten und somit getötet würden. Die hochsensiblen Tiere der Herde aber können die anderen rechtzeitig warnen und damit deren Leben retten. Der Großteil der Herde, also die Hochsensiblen und die Normalsensiblen, werden sich nun fluchtartig in Bewegung setzen, während sich die Untersensiblen – aufgrund ihrer Veranlagung dazu bemächtigt – den Angreifern in Form einer Verteidigungstaktik aufhalten können (vgl. Reichardt, 2016, S. 16).

Fazit: Die hochsensiblen Antilopen können schlussendlich die Herde durch ihre frühe Warnung retten; die normalsensiblen haben dadurch die Möglichkeit, rechtzeitig zu flüchten, damit überleben und in ihrer Masse den Fortbestand der Gene sichern, und die untersensiblen können möglicherweise unter Einsatz ihres eigenen Lebens die Herde verteidigen und somit die Chancen des Überlebens der vielen zusätzlich erhöhen.

Anhand dieses Praxisbeispiels wird deutlich: Jede Ausprägung von Sensibilität, sei es hoch-, normal- oder untersensibel, hat ihre Daseinsberechtigung und wichtige Funktion innerhalb eines sozialen Gefüges. Gemeinsam sind sie (und im übertragenden Sinne: wir) stark, und können für den Fortbestand der Art sorgen!

Verwendete Quellen:

  • Harke, S. (2019). Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet. Die 100 häufigsten Fragen und Antworten (5. Ausg.). Schneckenlohe: Vanova.
  • Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität e. V. (17. April 2011). Von hochsensibilitaet.com: <https://www.hochsensibel.org/dokumente/Broschuere.pdf> abgerufen
  • Parlow, G. (2014). Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen (3. Ausg.). Wien: Festland.
  • Reichardt, E. (2016). Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potential entfalten. München: Südwest.

  • Repkowsky, M. (2020). Hochsensibel und glücklich. Das kleine Buch für große Herzen. Wie du achtsamer leben, deine inneren Stärken aufbauen, deine Resilienz steigern & Stress bewältigen kannst. Kein Ort: Independently published.