Bereits seit den 60er Jahren existieren verschiedene Arten von Selbsterfahrungsgruppen. Diese haben inzwischen ihren festen Platz im Gefüge von Psychotherapie, Beratung, Selbsterfahrung, Austausch und ambulanter Versorgung. Die wohl bekanntesten unter ihnen sind die der sog. Anonymen Alkoholiker. Die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Organisation handelt, zu dessen Teilnahme ein Mensch per gerichtlicher Anordnung angewiesen werden kann, zeigt die Wichtigkeit und Legitimation solcher Gruppen. Und gerade heutzutage, wo es aufgrund der fehlenden Plätze und stark frequentierten Praxen diffizil wird, im Bedarfsfall zeitnahe, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, gewinnen Gruppen umso mehr an Bedeutung.
Der Moment, in dem sich ein Mensch dazu durchringt, den Weg in eine Gruppe zu finden, damit zu beschließen, etwas solle sich ändern, den Mut zu fassen, bestimmte Gedanken und Gefühle nicht mehr nur allein mit sich selbst auszumachen, sondern sich an das Außen zu wenden, sich mit anderen zusammen zu tun und gemeinsam etwas zu bewegen, ist allein schon ein großer Schritt im Prozess des Abstreifens der Opferrolle.
Berg-Peer führt an, dass Gruppen außerdem Trost spenden und gegen Isolation schützen, da Teilnehmer offen über ihre Gefühle sprechen, für sie schwierige Situationen beschreiben und gleichzeitig dafür Verständnis finden können, da sich der Erzählende innerhalb der Runde nicht als einziger in einer bestimmten Situation befindet. Hieraus kann Hoffnung entstehen und Kraft für das Bestehen im Alltag geschöpft werden. Darüber hinaus können innerhalb der Gruppe Kontakte entstehen, was sich als wichtig erweist, wenn sich Angehörige und Freunde bereits abgewendet haben (vgl. Berg-Peer, S. 10).
Gruppenaustausch ermöglicht das Erlernen neuer Kompetenzen in Bezug darauf, mit bestimmten problematischen Situationen konstruktiver und sinnvoller umzugehen. Auf diese Weise kann beispielsweise im Rahmen einer Gruppe für Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, ein Katalog an Bewältigungsstrategien erarbeitet werden. Auf Basis dieses neu erworbenen Wissens kann nicht nur die Resilienz des einzelnen Teilnehmers gestärkt, sondern auch sein Selbstvertrauen aufgebaut und gefestigt werden. Berg-Peer beschreibt die Möglichkeit, dass sich Gruppenteilnehmer von einer Abhängigkeit gegenüber Fachleuten wegbewegen können und mitunter sogar dazu befähigt werden, Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lage befinden, Trost und praktischen Rat anzubieten. Gleichzeitig bietet ihnen dies die Gelegenheit, direkt auf die Fachwelt einzuwirken und neue Impulse zu setzen, indem sie professionell Tätigen ihre Erfahrungen mitteilen, welche diese wiederum in ihren beruflichen Alltag mitnehmen können (vgl. Berg-Peer, S. 11).
Nicht nur Betroffene, sondern auch deren Angehörige können im Rahmen einer Gruppe Platz finden, was in einer Psychotherapie in der Regel nur sehr begrenzt vorgesehen ist. Auch hierin kann ein Austausch stärken, Trost spenden, ein Informationsaustausch Handlungskompetenzen vermitteln. Gleichzeitig sind erstbetroffene Teilnehmer der Gruppe weniger auf die Unterstützung durch ihre Angehörigen angewiesen, da sie unterstützenden Halt und Gemeinschaft bereits innerhalb des Gruppenrahmens erfahren. Beide, sowohl erstbetroffene Teilnehmer, als auch deren Angehörige, erfahren die Möglichkeit, sich von zwar gut gemeinten, jedoch häufig von Unwissen gekennzeichneten Ratschlägen durch das Außen zu lösen und eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Darüber hinaus können sie lernen, dass das Leben mit einer bestimmten Besonderheit oder einer Erkrankung nicht nur ein Leidensweg sein muss, sondern häufig auch vielfältige Chancen bietet. Auf diese Weise wird es möglich, nicht in starren Verhaltensmustern zu verharren, sondern mithilfe des Korrektivs, welches die Gruppe bietet, neue Wege zu gehen. Mitunter können Gruppenteilnehmer im Rahmen ihrer Entwicklung sogar den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und sich dort politisch für das Thema einsetzen (vgl. Berg-Peer, S. 12).
Verwendete Quellen:
- Berg-Peer, J. (2016). Moderation von Selbsthilfegruppen. Ein Leitfaden (Bd. Psychosoziale Arbeitshilfen 33). Köln: Psychiatrie-Verlag.
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