Hochsensibilität betrifft ca. 16 % der Weltbevölkerung und der Tiere. Die Betreffenden nehmen Reize detaillierter auf als andere bzw. deren Gehirn verarbeitet Reize in der gleichen Zeit effizienter. Hochsensibilität ist dementsprechend angeboren, und von der Natur auch gewollt.
So veranlagt zu sein, bringt innerhalb unserer intensiven und schnellen Welt Vor- und Nachteile mit sich, denn auf erhöhte Leistungsfähigkeit folgt schnellerer Energieverbrauch und mögliche Reizüberflutung. Vor allem aber neigt die Gesellschaft dazu, Hochsensibilität als Schwäche auszulegen. Psychische und körperliche Erkrankungen können die Folge sein. Somit kann es für Betroffene eine Herausforderung sein, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, sich selbst anzunehmen und die Begabung gezielt nutzbar zu machen.
Die Ausprägung Hochsensibilität gab es, wie vermutet wird, schon immer, war jedoch unter diesem Namen unbekannt, bis sich 1997 die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron damit auseinanderzusetzen begann. Im Rahmen ihrer gemeinsam mit ihrem Ehemann durchgeführten Forschungsarbeit führte sie repräsentative Interviews mit Studenten der University of California, Santa Cruz, durch und legte einen wissenschaftlich anerkannten Boden für alle weiteren Forschungsprojekte, die sich seither mit dem Thema beschäftigen. Inzwischen gilt der Begriff Hochsensibilität in Fachkreisen der Psychologie als „eine wachsende Größe“ (Harke, 2019, S. 37).
In der Psychologie wird Hochsensibilität als eine Veranlagung des Temperaments beschrieben, die Menschen und auch Tiere zu einer feineren Wahrnehmung befähigt. Betroffene nehmen Reize anders auf, nämlich detaillierter und effizienter. Darüber hinaus verfügen sie über eine ausgeprägte Empathie gegenüber anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, oftmals sogar Maschinen. Dies wird vornehmlich einer angeboren veränderten Struktur der Großhirnrinde zugeordnet. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass der Begriff Hochsensibilität von dem der Empathie zu unterscheiden ist (vgl. Reichardt, 2016, S. 15).
Reichardt beschreibt eine Tendenz zur ausgiebigen, mitunter täglichen Selbstreflexion. Auch erwähnt sie ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, gepaart mit Loyalität und Wahrheitsliebe, wobei sich der Gerechtigkeitssinn selten auf sich selbst bezieht, sondern eher auf anderen zugefügtes Unrecht, welches den Hochsensiblen dazu bringt, „auf die Barrikaden zu gehen“ (Reichardt, 2016, S. 43). Weiter benennt Reichardt aufgrund der hohen nervlichen Aktivität die Neigung zu ausgeprägten künstlerischen und kreativen Fähigkeiten sowie einem in der Regel besonders guten Gedächtnis, welches ebenfalls auf die Intensität, mit der Reize verarbeitet werden, zurückzuführen ist. Parlow gibt an, hochsensible Menschen (abgekürzt: HSM) neigten dazu, für die Bewertung von Eindrücken und Situationen weitaus mehr Graustufen zu verwenden als andere Menschen. Das hintergründige Ziel hierbei sei zumeist das möglichst nuancierte Abwägen eventueller Konsequenzen und Folgen einer Situation (vgl. Parlow, 2014, S. 30). Der Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität beschreibt die Fähigkeit zu Schnelligkeit, Geistesgegenwart, schon fast pedantischer Genauigkeit und aufgrund des hochempathischen Wesens mitunter sogar der Fähigkeit zu erspüren, ob eine Person lügt (vgl. Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität, 2011, S. 5). Parlow erwähnt auch die Gabe zu ausgeprägter Fantasie und Intuition (vgl. Parlow, 2014, S. 32). Gemäß Reichardt liegen sogar erste Hinweise zu einem erhöhten Intelligenzquotienten bei HSM vor.
Jedoch sind gemäß Reichardt auch die Tendenz zu Selbstzweifeln, -kritik und Perfektionismus sowie eine eher niedrige Schmerztoleranzgrenze typische Ausläufer dieser intensiveren Wahrnehmung sowie augenscheinliche Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, da HSM wie bereits erwähnt dazu neigen, vor einer Entscheidung eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten gedanklich durchzuspielen (vgl. Reichardt, 2016, S. 42-48).
Aufgrund dieses komplexen Denkens beinhalten Hochsensible ein „reiches, buntes und vielgestaltiges Innenleben und eine ebensolche Traumwelt“ (Reichardt, 2016, S. 13). Parlow bestätigt dies (vgl. Parlow, 2014, S. 29). Hochsensible bemerken Details wie Farbnuancen, Gerüche oder auch emotionsbehaftete Signale durch das Umfeld, die anderen entgehen. Als verantwortlich hierfür wird gemeinhin der Thalamus angesehen, worin aus den Sinnesorganen weitergeleitete Reize gefiltert werden (vgl. Reichardt, 2016, S. 34).
All dies bedeutet, dass ein hochsensibel veranlagtes Gehirn in der gleichen Zeit mehr Leistung bewältigt als eines ohne diese Veranlagung. Bemerkenswerterweise existiert, obgleich es dies-bezüglich Forschung gab und gibt, kein eindeutiges diagnostisches Verfahren, mithilfe dessen man zuverlässig herausfinden kann, ob ein Mensch hochsensibel veranlagt ist, oder nicht (vgl. Repkowsky, 2020, S. 12). Man geht jedoch gemeinhin davon aus, dass ca. 16% der Weltbevölkerung HSM sind (vgl. Harke, 2019, S. 17). Die verschiedenen Ausprägungen von Sensibilität kann man sich als Kontinuum vorstellen: An einem Ende befinden sich jene, soeben erwähnte 16% Hochsensible, während am gegenüberliegenden Ende weitere 16% untersensible Menschen rangieren (vgl. Reichardt, 2016, S. 17). Alle, die den Teil zwischen beiden Enden besiedeln, werden in der Regel als „normalsensibel“ bezeichnet. Reichardt nutzt anstelle von „normalsensibel“ schlichtweg die Bezeichnung „sensibel“, um das klischeebehaftete Wort „normal“ zu umgehen (vgl. Reichardt, 2016, S. 18), während der IFBH hierbei von „Nicht-HSP“ (Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität, 2011, S. 3) spricht.
Die oben beschriebene Verteilung der
Ausprägungen von Sensibilität veranschaulicht Reichardt durch folgendes
Praxisbeispiel:
Eine Herde Antilopen grast in den Steppen Afrikas. Aus dem Hintergrund schleicht sich eine Sippe Löwinnen an. Der laut Statistik 16%ige Anteil hochsensibel veranlagter Tiere innerhalb der Antilopengruppe ist aufgrund seiner sensorisch hochbegabten Wahrnehmung in der Lage, die Löwinnen schon von weitem zu hören bzw. zu wittern, während die anderen Tiere der Herde dies aufgrund der normal- oder untersensiblen Ausprägung ihrer Sinneswahrnehmung nicht können. Sie sind somit auf die hochsensiblen Tiere der Herde angewiesen, da sie sonst durch den Angriff der Löwinnen überrascht würden und möglicherweise nicht mehr rechtzeitig reagieren könnten und somit getötet würden. Die hochsensiblen Tiere der Herde aber können die anderen rechtzeitig warnen und damit deren Leben retten. Der Großteil der Herde, also die Hochsensiblen und die Normalsensiblen, werden sich nun fluchtartig in Bewegung setzen, während sich die Untersensiblen – aufgrund ihrer Veranlagung dazu bemächtigt – den Angreifern in Form einer Verteidigungstaktik aufhalten können (vgl. Reichardt, 2016, S. 16).
Fazit: Die hochsensiblen Antilopen können schlussendlich die Herde durch ihre frühe Warnung retten; die normalsensiblen haben dadurch die Möglichkeit, rechtzeitig zu flüchten, damit überleben und in ihrer Masse den Fortbestand der Gene sichern, und die untersensiblen können möglicherweise unter Einsatz ihres eigenen Lebens die Herde verteidigen und somit die Chancen des Überlebens der vielen zusätzlich erhöhen.
Anhand dieses Praxisbeispiels wird deutlich: Jede Ausprägung von Sensibilität, sei es hoch-, normal- oder untersensibel, hat ihre Daseinsberechtigung und wichtige Funktion innerhalb eines sozialen Gefüges. Gemeinsam sind sie (und im übertragenden Sinne: wir) stark, und können für den Fortbestand der Art sorgen!
Verwendete Quellen:
- Harke, S. (2019). Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet. Die 100 häufigsten Fragen und Antworten (5. Ausg.). Schneckenlohe: Vanova.
- Informations- und Forschungsbund Hochsensibilität e. V. (17. April 2011). Von hochsensibilitaet.com: <https://www.hochsensibel.org/dokumente/Broschuere.pdf> abgerufen
- Parlow, G. (2014). Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen (3. Ausg.). Wien: Festland.
- Reichardt, E. (2016). Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potential entfalten. München: Südwest.
- Repkowsky, M. (2020). Hochsensibel und glücklich. Das kleine Buch für große Herzen. Wie du achtsamer leben, deine inneren Stärken aufbauen, deine Resilienz steigern & Stress bewältigen kannst. Kein Ort: Independently published.